Er lag in seinem Krankenhausbett und starrte an die Decke. Sein Blick durchstreifte Quadratzentimeter
Ein kurzes Lachen erschütterte ihn. Es geriet heiser, und er musste nachhusten.
Draußen auf dem Gang waren Stimmen zu hören, dann Schritte, die sich der Tür näherten.
Drei Tage später sah sie ihn wieder und erschrak. Noch mehr Kanülen im Fleisch, noch mehr Schläuche,
© Hannelore Bühler
Die Zeit schien still zu stehen. Der Patient lag mit wachsbleichem Gesicht und weit geöffneten Augen da,
Nach einer Woche war der Zustand des Patienten immer noch kritisch. Seine organischen Funktionen hatten sich
Es dauerte lange, bis sich die Tür wieder öffnete. Als der Mann auf den Flur trat und den Mundschutz
An den folgenden Tagen sah Anna ihn meist von weitem, wie er aus der Tür schlüpfte, Kittel und Mundschutz
Sartori hielt Wort und brachte mittags einen metallenen Topf mit, aus dem er zunächst einen Schöpflöffel
Tatsächlich verabschiedete sich Sartori drei Tage später ohne viele Worte. Nachdenklich blickte Anna ihm nach,
© Hannelore Bühler
Erster Teil
für Quadratzentimeter das makellose Weiss. Keine Fliege war dort oben zu finden, kein Riss, nicht einmal
ein winziger Fleck, der von Unachtsamkeit kündete.
'Vielleicht sollte ich meine Brille aufsetzen,' dachte er und streckte den Arm aus,
hielt aber mitten in der Bewegung inne. Die Andeutung eines Lächelns spielte um seinen Mund.
'Du alter Narr,' so schalt er sich selbst, 'was musst du immer das Haar in einer Suppe suchen.
Nicht einmal dieser perfekt getünchten Krankenzimmerdecke traust du! Ebensowenig ihr wie all den anderen Dingen,
auf die du keinen Einfluss hast.'
Ausgerechnet jetzt, da er als Pensionär zufrieden auf sein bisheriges Leben zurückblicken konnte;
alles geschafft hatte, was ihm jemals wichtig gewesen war, weil er all das stets selbst in die Hand genommen hatte
- ausgerechnet jetzt musste er sich hilflos in die Hände von Ärzten begeben, denen er sowieso nie getraut hatte.
Dabei hatte er größte Mühe und Sorgfalt auf die Auswahl der Klinik verwendet,
hatte sich mehrfach der Staatsangehörigkeiten der behandelnden Ärzte und des Personals vergewissert,
bis - ja, bis nun das Warten ein Ende hatte.
Pflichtgemäß führte er die Außenfläche seiner rechten Hand zum Mund, die Schläuche an seinem Arm
vibrierten und in der Brust verspürte er einen beängstigenden Druck.
'Stell' dir vor, du hast ein Herz und es will dir seinen Dienst aufkündigen!'
Der Gedanke zog vorbei, wiederholte sich hämmernd in seinem Bewusstsein, bis er sich zwang, ihn weiterzuführen.
Sein Atem ging schneller als vorher, ohne dass er sich angestrengt hätte. Seine Rechte lag wieder
auf der Bettdecke und zuckte.
'Sicher, du hast dein Herz nie sonderlich beachtet. Es war einfach da und tat seinen Dienst,
Tag für Tag und Nacht für Nacht. Vielleicht hat es dich ab und an gezwickt, lief schneller als es dir
lieb gewesen wäre, aber niemals hättest du deine Beschwerden ihm anlasten wollen.'
Er musste erneut husten. Diesmal presste er beide Hände an seine Rippen, doch der Schmerz
nahm ihm fast den Atem. Es dauerte einige Minuten, bis er wieder klar denken konnte.
'Seitenstechen beim Sonntagsspaziergang? Kein Wunder, wenn jemand so viel auf seinem Hintern gesessen hat wie du!
Deine Tochter hat gelacht und gesagt, Paps, du musst mehr an die frische Luft! Lass doch mal die anderen
für dich arbeiten! Aber das hat es für dich nie gegeben. Immer warst du dabei, immer an vorderster Front.
Drückebergen galt nicht, und jetzt bekommst du die Quittung dafür!'
Seine Tochter! Endlich! Wie sehr hatte er gehofft, sie vor dem großen Eingriff noch einmal sehen zu können.
Er versuchte sich etwas aufzurichten, sank aber ächzend zurück.
'Bleib liegen,Paps,' rief sie auch schon und flog zu ihm in seine Arme, so gut es ging.
'Ich darf nicht lange bleiben, sie wollen dich für die Operation fertigmachen - Quarantäne - du weißt schon...'
Er wusste Bescheid, sie hatten ihn gründlich vorbereitet.
Die Spitzen ihrer langen Haare kitzelten ihn im Gesicht. Er schaute zu ihr hoch und entdeckte
unter ihren Augen dunkle Ränder. Sie sollte sich keine Sorgen um ihn machen, er kam schon zurecht.
Doch es tat gut, dass sie da war, so unendlich gut!
Elektroden, Apparate, stets eine Schwester zur Seite, die alles überwachte. Alles sei perfekt verlaufen,
hatte man ihr versichert, das neue Herz sei wie für ihn gemacht, keine Abstoßungstendenzen bisher,
man müsse jetzt die nächsten zwei Wochen abwarten.
Bange blickte sie auf ihn hinunter, forschte in dem bleichen Gesicht, das sie so sehr liebte.
Würde er sie wiedererkennen? Würde er ihr die gleichen Gefühle entgegenbringen wie noch vor ein paar Tagen?
Konnte er überhaupt noch der gleiche Mensch sein wie vorher?
Natürlich hatte sie sich informiert: Natürlich hatte sie alles darüber gelesen, was ihr im Internet
zur Verfügung stand. Natürlich hatte sie begriffen, dass eine Herztransplantation nicht das Wesen
eines Menschen veränderte.
Und doch fühlte sie eine unbestimmte Angst, die ihr die Kehle zuschnürte.
Ein tiefer Atemzug ihres Vaters holte sie in die Wirklichkeit zurück. Seine Lider begannen zu flattern,
seine Hände tasteten über die Bettdecke, sein Atem wurde regelmäßiger. Schließlich öffnete er die Augen vollends,
sah sie über sich gebeugt und begann zu strahlen, soweit es ihm die Schläuche in Mund und Nase erlaubten.
'Mein Herz!' krächzte er und versuchte den Kopf zu heben. Sie drückte ihn sanft ins Kissen.
'Ja,' sagte sie leise, 'du hast es bekommen, dein neues Herz.'
'Ich meinte doch dich!' gab er mühsam zurück, 'Du bist doch mein Herz!' Und dann begriff er.
'Was sagst du da? Ich habe es? Ist das wahr? Ich lebe? Ich lebe tatsächlich wieder? Danke! Ich danke allen!
Und ich danke dir - mein Herz!'
In den folgenden zwei Wochen erholte er sich täglich ein bisschen mehr. Was immer die Ärzte mit ihm anstellten,
er ertrug es mit der ihm eigenen Disziplin und Tapferkeit.
Zu ihrer Freude bemerkte seine Tochter eine neue wundersame Leichtigkeit in seinem Wesen.
Sie führte es auf die Erleichterung zurück, die das neue Herz allen seinen Körperfunktionen verschaffte.
Und es ging ihm gut. Der Tag, dem er entgegengefiebert hatte, der Tag, an dem er endlich von
allen Maschinen befreit werden würde, war gekommen. An diesem Tag wollte er noch eine Frage stellen,
die Frage nach dem Spender seines neuen Herzens.
'Ist das so wichtig, Paps?' wollte seine Tochter wissen, die wie jeden Tag mehrere Stunden an seinem Bett
verbrachte. 'Du kennst mich doch, Mädchen,' lächelte er und drückte ihre Hand. Dein alter Vater
ist ein typischer Deutscher, muss alles in Reih' und Glied haben. Und außerdem...' er senkte den Blick,
'ich muss ihm doch danken können, vielleicht ein paar Blumen aufs Grab legen oder etwas für seine Familie tun.
Schließlich hat er sterben müssen und ich lebe!'
Sie umarmte ihn zärtlich. 'Du hast recht, vielleicht kannst du helfen. Soll ich bleiben, wenn der Arzt kommt?'
Sein leichtes Nicken und das kurze Schließen der Lider waren ihr Zustimmung genug.
In diesem Moment trat der Arzt ein, gefolgt von mehreren Krankenschwestern. In der Hand trug er eine Mappe,
die er jetzt aufklappte.
'Unserem Patienten geht es wunderbar, wie ich sehe. Dann können wir Sie ja mit gutem Gewissen
von ihrem ganzen Zubehör befreien: Während die Damen ihre Arbeit tun, werden wir uns noch ein wenig unterhalten.'
Der Arzt setzte sich auf einen Stuhl, der abseits stand, um die Schwestern nicht zu behindern.
Auch sie stand auf, entzog dem Vater ihre Hand, die dieser nur widerwillig freigab, und trat zurück.
'Haben Sie es sich überlegt?' fragte der Arzt und blickte den Patienten aufmerksam an. Dann winkte er ab.
'Ich sehe schon, Sie wollen es wissen. Ich habe es ehrlich gesagt nicht anders erwartet.'
Er blätterte in seiner Mappe. 'Ein Verkehrsunfall,' las er vor, 'Fahrerflucht, schlimme Sache.
Hinterlässt Frau und zwei erwachsene Kinder. Der Name - Moment - ach hier - Vincente Sartori,
Restaurantbesitzer, 65 Jahre alt, italienischer Einwanderer, deutscher Pass. Seine Familie war sofort einverstanden...'
Ein Stöhnen unterbrach seinen Redefluss.
Der Patient hatte die Augen weit aufgerissen, tödlicher Schrecken stand in seinem Gesicht.
Seine Hände streckten sich flehend seiner Tochter entgegen, die starr vor Entsetzen war.
'Das könnt ihr nicht machen,' hörten sie ihn stammeln, 'ein Ausländer - das ist das falsche Herz! Bitte...!'
Seine Stimme wurde immer leiser, und schließlich verstummte sie.
Sekunden später flimmerte auf dem Bildschirm die Nulllinie. Das Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen.
Zweiter Teil
seine Tochter, unfähig sich zu rühren, hatte beide Hände auf den Mund gepresst.
Die Krankenschwestern verharrten mitten in den zuvor ausgeführten Handhabungen.
Mit einem lauten Knall landete die Krankenakte auf einem Stuhl, und plötzlich löste sich die Starre.
In den Arzt und die Schwestern kam Bewegung. Jemand schob die junge Frau beherzt in den Flur hinaus,
wo sie lautlos auf einen Stuhl sank und das Gesicht in den Händen verbarg.
Sie wusste nicht was dort drinnen geschah. In ihrem Kopf waberte eine samtweiche Masse und nahm ihr jeden
klaren Gedanken. Sie sah nur seine Augen, seine ausgestreckten Hände und dachte, warum hat ihm denn niemand geholfen?
Nach einer Ewigkeit öffnete sich die Tür und der Arzt trat zu ihr. Er berührte sie leicht am Arm,
und als sie den Kopf hob, lächelte er sie erschöpft an.
'Wir haben ihn wieder,' sagte er leise.
'Ist das wahr? Er lebt?' Als sie es endlich begriff, rollten ihr Tränen über die Wangen.
'Aber warum hat er den Namen des Spenders überhaupt erfahren dürfen?'
Der Arzt rieb seine überanstrengten Augen: 'Es handelt sich um eine Direktspende, das ist sehr selten.
Für Ihren Vater wurde es höchste Zeit. Ein paar Tage später und es hätte keine Hoffnung mehr für ihn gegeben.
Und dann der Unfall hier in der Stadt! Das Herz des Italieners ist wirklich seine allerletzte Chance!'
normalisiert, aber er verweigerte die Nahrung und wollte außer mit seiner Tochter Anna mit niemandem mehr sprechen.
Sie wachte stundenlang an seinem Bett, vorschriftsmäßig bekleidet mit einem grünen Kittel,
Handschuhen und einem Mundschutz. Einen Handschuh streifte sie heimlich ab, wenn die Schwester nicht in Sicht war,
um ihre warme Hand um die kühlen, immer noch kräftigen Finger ihres Vaters zu legen.
'Paps, willst du nicht endlich mal wieder etwas essen. Ich finde, du hast jetzt lange genug den sterbenden
Schwan gespielt!' Sie musste so sprechen, wenn sie nicht wieder weinen wollte.
Er lächelte tatsächlich. 'Ich weiß, du willst mich aufmuntern, mein Herz. Aber das Loch, in das ich gefallen bin,
lässt mich einfach nicht wieder los. Ich komme nicht dagegen an.'
'Was kann ich tun? Sag mir doch, wie ich dir helfen kann!'
Er antwortete wie erwartet: 'Du kannst mir nicht helfen. Ich glaube, dein alter Vater schafft es nicht mehr.'
Anna umklammerte seine Hände fester. Sie mochte nicht akzeptieren, was er da sagte
'Aber du warst doch so zuversichtlich, hattest doch noch so viel vor! Deine Werte sind gut, warum also?
Was hat sich geändert? Lass uns doch wenigstens darüber sprechen!'
Mit geschlossenen Augen schüttelte er den Kopf und schwieg. Er wollte nicht darüber sprechen,
weil es so unaussprechlich war, dass er es selbst nicht verstand. Alles, was er wahrnahm,
war ein bodenloses Gefühl der Trauer, wie er es nie zuvor empfunden hatte. Es machte ihn hilflos und schwach,
und er hasste sich dafür. Wie sollte er das seiner Tochter erklären?
Seine geschlossenen Augen und sein abgewendetes Gesicht trafen sie im Innersten. Abrupt entzog sie ihm ihre Hände
und stand auf. Beim Hinauslaufen stieß sie mit einem hochgewachsenen Mann mittleren Alters zusammen.
Er trug einen grünen Kittel und Mundschutz wie sie, die Handschuhe aber behielt er in der Hand.
Dann betrat er das Krankenzimmer ihres Vaters, die Tür schlug hinter ihm zu.
Irritiert drehte sie sich um. 'Wer ist das,' fragte sie den Arzt, der auf dem Flur stand. 'Was will er von Paps?'
'Das ist Paolo Sartori, der Sohn des Italieners,' sagte der Arzt, 'vertrauen Sie ihm.'
abgestreift hatte, verharrte er einen Augenblick und atmete tief ein.
'Was haben sie mit ihm gemacht?' wollte Anna wissen.
'Ich habe seine Hand gehalten,' antwortete er einfach.
'Nein!' Sie schüttelte den Kopf. 'Niemand darf seine Hand halten außer mir!'
Er lächelte. 'Da haben Sie sicher Recht, aber ich habe mir seine Schwäche zu Nutze gemacht.
Ich habe seine Hand einfach festgehalten, und irgendwann hat er nachgegeben.'
'Und dann?'
'Dann hat er gesagt, ich soll mich zum Teufel scheren.'
Anna blickte zu ihm auf. 'Warum tun Sie das, Herr Sartori?'
'Mein Vater hat ihm sein Herz gegeben,' antwortete er ernst. 'Das darf nicht umsonst gewesen sein.
Ich werde wiederkommen, bis er über den Berg ist.'
Ohne weiteren Gruß drehte er sich um und ging mit langen Schritten davon.
auszog und verschwand. Dann lief sie, von Unruhe und Erwartung getrieben, ins Krankenzimmer,
doch ihr Vater war wie immer, still, in sich gekehrt und sehr zärtlich zu ihr.
Er erwähnte den Besuch mit keinem Wort, und auch sie hütete sich davor, ihn zu fragen.
Eines Tages trat sie ins Krankenzimmer und fand ihren Vater weinend in Sartoris Armen.
Dieser drehte den Kopf zu ihr und bedeutete ihr mit den Augen, sie solle sich ruhig verhalten.
Erschrocken wich sie zurück und setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke.
Die Männer sprachen nicht miteinander. Irgendwann ließ sich ihr Vater zurücksinken und schloss die Augen.
Sartori berührte ihn kurz an der Wange, dann stand er auf und verließ den Raum. Anna sprang auf und folgte ihm.
Ehe sie etwas sagen konnte, warf er ihr die Frage entgegen, ob sie ihren Vater schon einmal weinen gesehen hätte.
Sie schüttelte stumm den Kopf. 'Er hat es wahrscheinlich nie gekonnt, hat es sich nie erlaubt.'
Sartori ging erregt auf und ab, sprach mehr zu sich selbst als zu ihr. 'Alles an ihm ist verhärtet , blockiert.
Wo sind seine Gefühle, seine Leidenschaften, seine Wut, und wo ist seine Trauer?
Er muss viel Schlimmes erlebt haben, aber er lässt es nicht hinaus! Ein solcher Mensch kann kein fremdes Herz annehmen,
egal von wem es ist!'
Erschöpft lehnte er sich neben ihr an die kahle weiße Wand.
'Ich habe ihn massiert. Ich habe ihm gesagt, dass ich Physiotherapeut bin und habe ihn jetzt vier Tage lang massiert,
an den Füßen, an Armen und Beinen, an den Schultern, am Rücken und am Kopf. Er hat kaum darauf reagiert.
Heute habe ich es gewagt, ganz leicht mit den Fingerspitzen sein Gesicht zu massieren. Das, glaube ich,
hat seinen Panzer endlich durchbrochen.'
Der Mann blickte Anna plötzlich direkt an, als sei ihm etwas aufgefallen. 'Das ist eine sehr intime Geste.
Ich habe dabei an meinen Vater gedacht. Er hatte es früher immer gern, wenn ich mit meinen Kinderhänden
in seinem Gesicht herumfuhrwerkte.'
Die Erinnerung an seinen Vater ließ ihn für einen Augenblick in sich zusammensinken.
Schließlich straffte er sich und ging davon.
'Morgen bringe ich ihm etwas zu essen,' hörte Anna ihn murmeln.
voll auf einen Teller gab und sich damit ans Bett setzte.
Anna war mit hineingegangen, beschäftigte sich aber intensiv mit der Wäsche ihres Vaters.
Sie hörte keinen Widerspruch, deshalb drehte sie sich um und sah, dass der Patient bereitwillig den Mund öffnete
und sich von Sartori füttern ließ.
Der erste Happen seit zwei Wochen! Was für ein Wunder hatte dieser Mann vollbracht!
'Minestrone speciale á la mamma,' erklärte er lächelnd, als er draußen sein Blechgeschirr wieder im Rucksack verstaute.
'Er wird es schaffen. Sie werden sehen, in zwei, drei Tagen kann er wieder normal essen. Dann ist meine Mission beendet.'
Anna drückte ihm stumm die Hand, obwohl sie den Impuls verspürte ihn zu umarmen.
So viel Misstrauen sie ihm anfangs entgegengebracht hatte, so vertraut erschien er ihr inzwischen.
Und wie würde ihr Vater reagieren, wenn sein Retter nicht mehr kam?
wie er, den Rucksack locker über die Schulter geworfen, den Gang mit langen Schritten durchmaß
und durch die Glastür verschwand, ohne sich noch einmal umzusehen.
Schließlich betrat sie leise das Krankenzimmer und setzte sich zu ihrem Vater auf die Bettkante.
Er war wach und lächelte ihr entgegen.
'Ist er weg?' fragte er leise. Als sie nickte, griff er nach ihrer Hand und hielt sie fest.
'Ich habe mich gegen ihn gewehrt,' begann er, 'aber ich war zu schwach dazu.' Er seufzte tief.
'Ich habe mich so geschämt, als er mich überall anfasste, aber er hat meinen Protest einfach nicht beachtet.
Noch nie in meinem Leben habe ich mich so verletzlich gefühlt, so ausgeliefert und doch so
- geborgen, dass ich weinen musste. Da hat er mir erst gesagt, wer er ist.'
Er schloss die Lider und konnte nicht verhindern, dass darunter ein paar Tränen hervorquollen.
Anna schwieg und drückte seine Hand, bis er sich gefangen hatte.
'Weißt du was, Tochter?' fuhr er plötzlich fort und öffnete die Augen, 'ich möchte leben!
Ich kann nicht mehr gutmachen, was ich euch beiden beinahe angetan hätte, aber vielleicht muss ich endlich
meine Geschichte erzählen, die Geschichte eines Alptraums, die euch vielleicht einiges verstehen hilft.'
Im folgenden Sommer reiste Anna mit ihrem Vater nach Italien, um den 'Sohn seines Herzens' zu besuchen.