Die Stadt der Traurigkeit




Es begab sich in nicht allzu ferner Zukunft, dass der Bürgermeister einer Stadt eines Abends zur Weihnachtszeit
in seinem Amtszimmer saß und sorgenvoll über dem städtischen Haushaltsplan brütete.
Es war eine sehr große Stadt mit einigen Millionen Einwohnern, die alle sehr fleißig waren und pünktlich,
fast ohne Ausnahme, ihre Steuern zahlten. Und trotzdem: Seit Jahren bemühte sich der Bürgermeister,
mit drastischen Einsparungen das städtische Konto aufzustocken, doch stets zwinkerten ihm am Ende eines Jahres
die roten Zahlen zu, als wollten sie ihn verspotten. Zum tausendsten Male ging er die lange Reihe von Posten durch,
die am meisten Geld verschlangen; zum hundertsten Male sagte er sich laut vor, auf welche Ausgaben
er auf keinen Fall verzichten konnte: Krankenhäuser, Schulen, Altenheime, Kindergärten, Jugendzentren und so fort.

Wenn es nach ihm, dem Bürgermeister, ginge, würde er auch die Kinos, die Theater und die prächtige Oper schließen,
denn er selbst hatte keine Zeit für Zerstreuung. Andererseits brachten sie viel mehr Geld ein,
seitdem er ein generelles Nachtfahrverbot verhängt hatte, um die Straßenbeleuchtung zu sparen.
Auch die vielen Katzen und Hunde der Einwohner kosteten zu viel, weil städtische Reinigungskräfte
täglich zehn Stunden lang die Straßen von ihrer Hinterlassenschaft reinigen mussten.
Dafür aber zahlten die Besitzer der Tiere allmonatlich eine gewaltige Summe an Steuern, die die Ausgaben
bei weitem überstieg. Langsam verzweifelte der Bürgermeister über seinen Büchern.
Es gab einfach nichts, was er noch hätte einsparen können.

Doch halt! Was war das für ein Posten, dort ganz unten auf seiner Liste?
'Städtische Baumpflege' stand da. Aufgeregt schlug er im großen Buch der Erklärungen nach und las,
dass ein städtischer Baumpfleger ein hoch bezahlter Spezialist war, der nach einer teuren Ausbildung einzig allein
der Aufgabe nachging, Tag für Tag die städtischen Bäume zu hegen und zu pflegen. Und für die vielen Millionen Bäume
gab es einige Zehntausend Baumpfleger, die jährlich viele Milliarden Taler kosteten.
'Wozu braucht man Bäume?', fragte sich der Bürgermeister.
Nicht, um Schatten zu spenden, denn in diesem gemäßigten Klima brannte die Sonne selten und nie zu heiß.
Nicht, um die Luft zu reinigen, denn durch das Nachtfahrverbot war der Schadstoffgehalt der Luft kaum noch messbar.
Auch nicht für Möbel oder Dachstühle, denn heutzutage war alles aus umweltfreundlichem Kunststoff.
Außerdem zahlten Bäume keine Steuern - wozu also waren sie da?

Die städtischen Baumpfleger würde er anderweitig beschäftigen, denn Arbeitsplätze gab es genug.
Und das Holz würde er nach außerhalb verkaufen, denn die Nachbarstädte brauchten noch Holz zum Heizen,
während dies in seiner Stadt schon vor Jahren abgeschafft werden konnte.
Der Bürgermeister rieb sich zufrieden die Hände und stieg schnell in seinen Hubschrauber, ehe die Dunkelheit anbrach,
denn das Fahrverbot galt auch für alle fliegenden Fortbewegungsmittel.
Am nächsten Morgen nahm er Kontakt mit der nächstgelegenen Großstadt auf, und am selben Abend trafen Hunderte
von Lastwagen ein, die jeweils mit vier Männern besetzt waren. Über den Rundfunk gab der Bürgermeister
seine neueste Sparmaßnahme bekannt und entschuldigte sich gleichzeitig für den nächtlichen Lärm.
Als die Stadt endlich im Dunkeln lag, flammten gleichzeitig die Scheinwerfer der fremden Lastwagen auf
und es hub das ohrenbetäubende Gebrüll von Tausenden von Motorsägen an.

Am Abend des siebten Tages wurde es wieder still in der Stadt. Die Lastwagen waren endgültig in ihre eigene Domäne
zurückgekehrt, der leichte Wind fegte Wolken von Sägespänen über die kahlen Straßen.
Hatten sich die Leute in den Tagen und Nächten zuvor in die hintersten Winkel ihrer Häuser
oder Arbeitsstätten zurückgezogen, um dem unerträglichen Lärm zu entgehen, so traten sie an diesem neuen Morgen
alle beinahe gleichzeitig auf die Straße, blickten stumm auf die nackten viereckigen Beete,
auf denen noch vor einer Woche Bäume gestanden hatten. Auch der Bürgermeister schaute aus dem Fenster
seines Regierungsturmes auf die Stadt und seine Einwohner hinunter, und ein Frösteln ging durch seine Glieder,
erreichte sein Herz und ließ es zusammenschauern.

Es wurde Frühling, aber dieser neue Frühling konnte nicht wie sonst in jedem Jahr die Stille vertreiben,
die über der Stadt lag. Die erschrockene Erde auf den vielen großen Beeten brachte keine neue Saat hervor.
Selbst die Blumen, die manche angepflanzt hatten, dorrten vor sich hin und gingen schließlich ein.
Die Hunde und Katzen trotteten mit gesenkten Köpfen durch die Straßen, verrichteten ihr Geschäft
und verschwanden schnell wieder in den Häusern. Die Kinder, die früher lachend und singend auf
den Bürgersteigen getobt hatten, spielten in den Häusern, denn auch die Vögel, die sich sonst
in den knospenden Zweigen tummelten, waren nicht mehr da. Sie blieben in den Wäldern zwischen den Städten
- so weit weg, dass niemand ihren Gesang hören konnte.

Es wurde Sommer, und dieser Sommer wurde heißer als alle anderen zuvor. Die Sonne brannte unerbittlich auf alle Straßen,
Häuser und Plätze. Es dauerte nicht lange, da waren auch die dunkelsten Wohnungen und Keller so überhitzt,
dass die Menschen aufhörten, sich schnell zu bewegen, teilweise sogar ihre Arbeit aufgeben mussten,
weil sie sich nicht mehr vor die Türe wagten. Es gab keine schattigen Gärten und keine Parks in der Stadt,
denn diese waren vor Jahrzehnten bereits dem Wohnungsbau zum Opfer gefallen. Die Frachtzüge,
die täglich Lebensmittel und andere Dinge brachten, luden ihre Waren auf dem Bahnsteig ab und fuhren weiter,
ohne sich den Empfang bestätigen zu lassen.

Es wurde Herbst, doch niemand bemerkte es. Die Hitze hatte etwas nachgelassen, sodass alle Betriebe
ihre Arbeitskräfte wieder voll einsetzen konnten. Die Straßen, Fenster und Dächer waren über und über mit Staub bedeckt,
weil es monatelang nicht mehr geregnet hatte. Inzwischen wurde das Wasser knapp, die Beete lagen immer noch brach
und wollten keine neuen Pflanzen hervorbringen. Doch niemand betrat diese Beete, niemand nutzte sie als Parkplatz
oder als Kinderspielplatz. Selbst die Tiere machten einen Bogen darum und benutzten die Laternenpfähle als Toilette.
Denen schadete es nichts, denn sie waren ja seit Jahren abgeschaltet.

Es wurde Winter. Stürme kamen und gingen. Sie fegten den Staub hinweg, brachten ein wenig Frische,
zerbrachen aber auch Fensterscheiben und wirbelten Autos durch die Luft. Die Krankenhäuser waren überfüllt mit Menschen,
bei denen die Ärzte keinen rechten Grund für ihren Zustand finden konnten. Der Bürgermeister musste Spezialisten
aus anderen Städten anfordern, die seine Bürger behandelten, und sie bekamen recht schnell den Namen
der seltsamen Krankheit heraus: Sie hieß 'Traurigkeit'. Aber die Spezialisten wussten auch kein Mittel
dagegen und fuhren wieder nach Hause, die Taschen voller Geld. Schnell verbreitete sich die Kunde von der Krankheit
der Bürger, und die Stadt hieß in aller Welt nur noch 'die Stadt der Traurigkeit'.

Doch ein großes Gebäude am Stadtrand mit allen seinen 77 Einwohnern wurde von der Krankheit verschont.
Das alte Kloster war in der Zeit der Stadterneuerung nicht abgerissen worden, weil sein Reliquienschrein
der einzige im ganzen Land war, der die großen Kriege überdauert hatte. Einmal in fünf Jahren durften die Einwohner
der Nachbarstädte ihre Domäne verlassen und zu dem Kloster pilgern. Und an diesem Tage - einmal in fünf Jahren - wurde
im ganzen Land das Weihnachtsfest gefeiert.
In diesem Jahr würde es wieder so weit sein. Die Mönche, die sonst monatelang mit den Vorbereitungen
dieses Ereignisses beschäftigt gewesen waren, hatten diesmal kaum einen Gedanken darauf verschwendet,
weil eine andere Aufgabe sie völlig in Anspruch nahm - sie pflegten einen Baum!

Als vor einem Jahr die Lastwagen gekommen waren, um die Bäume abzuholen, da schauten die Männer zwar im Innenhof
des Klosters nach, doch der junge Trieb einer Birke blieb hinter der Mauer von betenden Mönchen verborgen.
Später mussten sie sie tagsüber mit einer großen Zeltplane, die sie eigens zu diesem Zweck nähten und kunstvoll
zwischen die vier Türme spannten, gegen den Luftverkehr abschirmen. Des Nachts, wenn die Plane eingerollt wurde,
streckte der Baum seine Zweige so sehr dem Mond entgegen, daß seine Blätter schließlich silbern zu leuchten begannen.
In der Zeit der großen Hitze, als das Wasser knapp war, gossen die Mönche ihren Schützling mit Spülwasser,
das beim Reinigen des Geschirrs übrigblieb. Die Nahrungsreste schienen wie Dünger zu wirken, denn die Birke
wuchs in einem Jahr schneller als sonst ein Baum auf der Welt.
Schon begannen die Mönche sich darüber zu sorgen, wie sie es fertig bringen würden, ihr Geheimnis zu wahren,
wenn es einmal über die Dächer des Klosters hinausgewachsen war, da geschah es drei Tage vor Weihnachten,
dass sich der Bürgermeister mit seiner Familie zur Mitternachtsmesse anmeldete.
Erschrocken hielten sich die Mönche die Hand vor den Mund. Sollte dies das Ende des letzten Baumes in der Stadt bedeuten?
'Nein!' riefen alle 77 wie aus einer Kehle und zogen sich zur Beratung zurück.

Es ging auf Mitternacht zu. Schon lange hatte der Bürgermeister den Wunsch verspürt,
wieder einmal die Mitternachtsmesse zu besuchen, doch sein eigenes Gesetz sah für ihn selbst nur
einen einzigen Nachtflug im Jahr vor, und in den vergangenen Jahren hatte er diesen einen Flug stets
für dringende Familienangelegenheiten in Anspruch nehmen müssen. Er freute sich deshalb sehr auf das Ereignis
und hoffte, der Gottesdienst würde seine Frau und seine drei Kinder wieder ein wenig aufmuntern,
denn auch sie waren von der seltsamen Krankheit betroffen, die in der Stadt umging.
Auf dem Dach des Regierungsturmes stiegen sie in den Hubschrauber und machten sich auf den langen Weg
ans andere Ende der Stadt. Der große Scheinwerfer durchstach grell die Dunkelheit, nur die Instrumente
wiesen ihm den Weg.
Der Bürgermeister sah mit klopfendem Herzen nach unten. Er wusste, dass unter ihm seine Stadt lag,
doch er konnte sie nicht sehen, weil alle Fenster vorschriftsmäßig abgedunkelt waren.
Schließlich erreichten sie die Stelle, an der sich das Kloster zu Ehren seines Besuches hell erleuchtet
aus der Schwärze hervorheben müsste. Doch nichts war zu sehen - nur ein endloser schwarzer Teppich.
Ungläubig blickte er auf seine Instrumente, die durch ihr beharrliches Blinken anzeigten,
dass sie ihr Ziel erreicht hatten.
Der Bürgermeister begann unsicher mit seinem Fluggerät über der Stelle zu kreisen.
Die großen Augen seiner Frau und seiner Kinder machten ihm Angst. Was wäre, wenn er einfach irgendwo landen würde?
Aber nein, viel zu gefährlich - er könnte ein Haus streifen oder in den Wäldern zwischen den Städten abstürzen.
Oder sollte er einfach zurückfliegen? Aber das konnte er seiner Familie nicht antun!
Er zog fröstelnd die Schultern zusammen und unterdrückte ein Stöhnen.
Plötzlich zeigte sein Sohn aufgeregt nach unten. 'Da! Sieh' mal, Papa! Da glitzert etwas!'
Und in der Tat, direkt unter ihnen blitzte etwas Silbernes auf, daneben noch etwas und noch etwas!
Als würde langsam ein Teppich beiseite gezogen, erschien nach vielen Sekunden ein kleines Meer von silbernen Flecken,
die sich heftig bewegten.

Minutenlang knatterte der Hubschrauber auf der Stelle, während die fünf Menschen an Bord sprachlos
und staunend das Wunder betrachteten. 'So etwas Schönes habe ich lange nicht mehr gesehen!', sagte die Frau
des Bürgermeisters andächtig. Die Kinder klatschten in die Hände und jubelten.
'Landen, Papa, landen, bitte!', riefen sie. Noch während er zögerte, den Wunsch seiner Kinder in die Tat umzusetzen,
flammten ringsherum Lichter auf, und er sah mit einem Mal, wo er sich befand.
Unter ihm lag das Kloster mit seinen vier massigen Türmen, in seiner Mitte der Innenhof,
der nun von tausenden Kerzen erhellt wurde. Das silberne Meer war verschwunden, an seiner Stelle ragte
majestätisch ein Baum mit silbrig glänzenden Blättern auf.

Nachdem der Bürgermeister auf dem flachen Dach des Nordturmes gelandet war und aussteigen wollte,
knickten ihm die Beine weg, und er sank auf die Knie. Seine Frau und seine Kinder beachteten ihn nicht,
sondern stürmten die Treppen hinunter in den Hof, wo sie laut lachend den Baum umarmten.
Da erkannte er plötzlich die Ursache der großen Traurigkeit, die seine Stadt heimgesucht hatte.
Am Weihnachtsabend war das Nachtfahrverbot aufgehoben, und die Stadt strahlte wie am hellen Tag.
Seine Familie hatte sich mit allen anderen Einwohnern und den Pilgern aus den Nachbarstädten
auf dem riesigen Feld rund um das Kloster eingefunden. Der Baum war in den letzten Tagen noch mehr gewachsen,
so dass er inzwischen weit über die Dächer hinausragte.
Jeder konnte seine silberne Krone sehen, und jeder neigte andächtig den Kopf, um zu beten.

Nach dem weihnachtlichen Gottesdienst gingen die fremden Pilger in einer endlosen Reihe
an dem Bürgermeister vorbei und überreichten ihm jeder einen kleinen Schössling.
Der Bürgermeister dankte dem Spender, drehte sich um und gab den kleinen Baum weiter an einen Bürger,
der sich sofort in Bewegung setzte, zurück in die Stadt lief und den Baum in seiner Straße einpflanzte.
Es begab sich, dass alle Bäume, die an diesem Weihnachtsabend mitten im Winter gepflanzt wurden,
angingen und in einem einzigen Jahr dieselbe Größe erreichten wie die Birke im Innenhof des Klosters.
Und die 'Stadt der Traurigkeit' wurde fortan in der ganzen Welt 'Die Silberne Stadt' genannt.

© Hannelore Bühler




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